Ein Gespräch mit Jakob Gebert
Voller Eigensinn und Faszination für die Freiheit irrationaler Fantasiewelten liebt Helga Gebert in ihrer Arbeit immer wieder die Zwischenräume – das Ungereimte, Ambivalente und Unerwartete. Die Fantasie ist bei ihr kein Eskapismus, sondern Denkraum. Wer sich auf das Unmögliche einlässt, beginnt, das Mögliche anders zu sehen – und fragt sich unweigerlich: Was gebe ich weiter, wenn ich eine Geschichte weitererzähle? Und was verändere ich damit?
Die GRIMMWELT zeigt die erste umfassende Einzelausstellung der Illustratorin, Malerin, Übersetzerin, Märchensammlerin und Autorin Helga Gebert und zeichnet damit ein feines Bild ihres von Humor und großer künstlerischer Autonomie geprägten Werkes und der Persönlichkeit dahinter.
Die Publikation zur Ausstellung erschließt erstmalig das Werk Helga Gebert, die 1935 in Freiburg im Breisgau geboren wurde: Zahlreiche Abbildungen des facettenreichen Werks treffen auf Textbeiträge aus unterschiedlichen Perspektiven – wissenschaftliche Expertisen aus Literaturwissenschaft, Ästhetischer Bildung sowie Kunst- und Kulturwissenschaften verbinden sich mit Einblicken von Wegbegleiter*innen in Biographie, Engagement und Arbeitsweisen von Helga Gebert. In diesem Zusammenhang entstand folgendes Interview mit ihrem Sohn Jakob Gebert. Die Ausstellung entstand in Kooperation mit seinem Gestaltungsbüro Gebert & Krüger und wurde kuratiert von Hanna Krüger.
Der Beitrag ist eine Zweitveröffentlichung eines Beitrags aus dem Ausstellungskatalog ZWISCHEN GESTALTEN | HELGA GEBERT. Erzählen in Bild und Wort, herausgegeben von GRIMMWELT Kassel gGmbH im KERBER Verlag, Berlin 2026 (S. 50-61).
Weitere Informationen zum Katalog finden Sie hier.
Claudia Roßkopf und Jan Sauerwald
Für die GRIMMWELT liegt der besondere Reiz dieser Ausstellung in der Vielseitigkeit und Vieldeutigkeit des Werks von Helga Gebert. Es ermöglicht das Aufgreifen ganz wesentlicher Aspekte heutiger Erzähl- und Märchenforschung. Außerdem eröffnet die Zusammenarbeit in dieser Konstellation ganz besondere Einblicke in Werk und Leben der Künstlerin. Wir möchten diese Gelegenheit gern nutzen, um dir einige Fragen zu stellen – zunächst: Wie ist deine Mutter zur Kunst beziehungsweise zur Illustration gekommen? Was hat ihren Weg geprägt?
Jakob Gebert
Eine wesentliche Rolle spielte ihre Tante aus Hamburg, die als wissenschaftliche Zeichnerin tätig war. Ab etwa 1940 lebte Helga mit ihr in einem kleinen Dorf im Hochschwarzwald – zusammen mit ihrem jüngeren Bruder, ihrer englischen Großmutter (die ebenfalls malte und ihr das Klavierspielen beibrachte) sowie zwei Cousins und einer Cousine.
Sie mochte ihre Tante – die Frau des Bruders der Mutter – sehr und blieb ihr zeitlebens verbunden. Ihr Vater mietete dort ein Haus und stellte eine Haushaltshilfe aus dem Dorf ein, die bei der Betreuung der Kinder half. Die Eltern blieben in Freiburg und kamen alle zwei bis drei Monate zu Besuch.
Mit ihrer Ziehmutter, wie Helga die Tante nennt, malte sie fast täglich Aquarelle in der Landschaft. Zahlreiche Briefe an ihre Eltern belegen das – sie waren stets mit Zeichnungen und Aquarellen illustriert (Abb. 1). Auch ihr Vater hatte Malerei an der Kunstakademie in München studiert. Ausschlaggebend blieb jedoch die Tante, die Helga zum täglichen Zeichnen und Malen anhielt – einer für die kommenden 85 Jahre lebensprägenden Praxis.
Abb. 1 Bilderrätsel. Brief an die Eltern, 25.1.1947.
© Helga Gebert
Welche Rolle spielte das Studium an der Freiburger Kunstakademie für Helga Gebert?
Helga beendete mit 16 Jahren die Schule, begann eine Ausbildung zur Fotografin, brach sie jedoch ab und ging als Au-pair nach England. Mit 17 nahm sie ihr Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Freiburg auf. Dort entstanden prägende Freundschaften mit Lilo Fromm, Christoph Meckel, Bert Jäger, Karlheinz Scherer und vielen weiteren Künstler*innen. Das freie Arbeiten und die intensive Förderung ihres Talents wurden für sie zu einer zentralen, ausgesprochen positiven Erfahrung.
Während des Studiums suchte sie eines Tages vergeblich nach besonders gelungenen Arbeiten von sich in der Akademie und fragte sich, wohin sie verschwunden waren. Schließlich nahm der Hausmeister sie beiseite, öffnete das Atelier ihres Professors – und dort hingen die vermissten Bilder, von deren Wertschätzung sie bisher nichts gewusst hatte. Diese Entdeckung stärkte ihr Selbstvertrauen nachhaltig.
Wie würdest du ihren Arbeitsort beschreiben?
Meine Mutter hatte ihr Atelier immer dort, wo sie auch lebte – und das bis heute. Früher besaß sie ein Winter- und ein Sommeratelier; letzteres befand sich in einem kleinen, nicht beheizbaren Häuschen.
In beiden Räumen – im Wohnhaus, einem alten, von meinem Vater sanierten Bauernhaus, ebenso wie im Sommeratelier – lag ihr Arbeitsplatz unter dem Dach. Beide waren galerieartig angelegt: offen zum darunterliegenden Raum, lichtdurchflutet und nicht abgeschlossen. Das entsprach ihrer Art zu arbeiten – sie blieb ansprechbar, nie abgeschottet.
Arbeits- und Lebensort waren für sie stets eng miteinander verbunden, auch in den Jahren, in denen sie keine familiären Verpflichtungen mehr hatte. Diese Einheit prägte mich tief: Ich fand es faszinierend, wie selbstverständlich sie Arbeit und Alltag verband und das künstlerische Schaffen als Teil des gelebten Lebens verstand.
Welche Erinnerungen sind mit dem künstlerischen Arbeiten deiner Mutter verbunden?
Ihr Tagesablauf unterschied sich deutlich von dem der übrigen Familie – einer großen Patchworkfamilie mit vielen Kindern. Meist stand sie erst gegen Mittag auf und arbeitete nachts bis etwa vier Uhr morgens in ihrem Atelier, an einem schweren Eichentisch, den sie bis heute benutzt.
Darauf lagen Bunt- und Bleistifte, Feder und Tusche, Aquarell- und Ölfarben, Pinsel – dazu der Duft von Räucherstäbchen, eine brennende Roth-Händle und oft ein Glas Wein. Zahlreiche Lampen tauchten den Tisch in warmes Licht, während abends häufig Freundinnen vorbeikamen, um mit ihr zu plaudern, während sie zeichnete oder malte. Für mich als Kind begann jeder Morgen mit einem Blick auf diesen Tisch – auf das, was in der Nacht entstanden war. Meine Mutter hat uns sehr viel vorgelesen – Märchen aus aller Welt, aber auch zum Beispiel Der kleine Hobbit von Tolkien. Zu ihren Lieblingszeichner*innen gehörten Winsor McCay (Little Nemo), Lyonel Feininger (The Kin-der-Kids) und Maurice Sendak (Wo die wilden Kerle wohnen, Der kleine Bär). Oft erfand sie eigene Geschichten, die wir teilweise für reale Beschreibungen hielten. Manche waren furchteinflößend – etwa die von riesigen Heuschrecken, die gerade den Kirchturm unseres Dorfes überquert hatten. Ihr Arbeiten und unser Alltag waren aufs Engste miteinander verwoben – wir erlebten ihre Arbeit täglich mit.
Wie hingen die Arbeit und das Familienleben zusammen? Wurde viel über ihre Werke gesprochen?
In meiner Familie wurde überhaupt sehr viel gesprochen. Oft saßen Bekannte und Freund*innen meiner Eltern oder von uns Kindern am Tisch, und man diskutierte und redete stundenlang. So erinnere ich diese Zeit meiner Kindheit und Jugend. Themen waren auch immer wieder ihre Arbeit.
Organisatorisches kam natürlich vor – etwa, als sie die Grimm’schen Märchen in sehr kurzer Zeit und unter großem Druck fertigstellen sollte. Dafür bat sie eine Freundin, während dieser Zeit zu kochen und den Haushalt zu übernehmen. So gelang es ihr, innerhalb von sechs Monaten Text und sämtliche Illustrationen fertigzustellen. Das Arbeiten meiner Mutter war etwas völlig Selbstverständliches, das weder sie selbst noch andere jemals infrage stellten. Sie arbeitete täglich; Wochentage, Samstage oder Sonntage spielten keine Rolle. Bestimmte Überzeugungen begleiteten sie – etwa die Vorstellung, ohne das Rauchen nicht mehr zeichnen zu können. Ich erinnere mich auch an ihre bevorzugten Stahlfedern aus einer englischen Manufaktur, mit denen sie ihre feinen Zeichnungen anfertigte. Als die Produktion eingestellt wurde, kaufte sie alle Restbestände auf, die sie finden konnte – sie befürchtete, ohne diese Federn ihre Art des Zeichnens zu verlieren. Auch Freund*innen halfen ihr dabei, noch Exemplare zu besorgen. Gespräche über Materialien und Werkzeuge gehörten zu den Themen, die immer wieder verhandelt wurden.
Zugleich ließ sie die Familie in ihren Geschichten auftauchen, etwa in Irma sucht Eugen (1975) – das waren die Vornamen ihrer Eltern. Familienmitglieder finden sich immer wieder in ihren Bildern und frühen Texten. Häufig nutzte sie Fotografien als Vorlagen für Märchenfiguren – oft, ohne dass die Betroffenen davon wussten. Hin und wieder vertraute sie mir an, dass Tiere in ihren Bildern Angehörige darstellten – eine Möglichkeit, auch schwierige Beziehungen zu verarbeiten.
Rückblickend erstaunt mich, dass ihr trotz Familie und zahlreicher Verpflichtungen ein so umfangreiches, kontinuierliches Werk gelungen ist. Tägliche Arbeit und die geschickte Verflechtung von Kunst und Alltag waren der Schlüssel dazu.
Welche Rolle spielte der Bereich der Alltagsgrafik, etwa in Form von Karten für Familieneinladungen oder zu Weihnachten, und der Gebrauchsgrafik in der künstlerischen Praxis Helga Geberts?
Schon früh begann sie mit Auftragsarbeiten – zunächst mit Bühnenbildern für das Wallgraben Theater in Freiburg sowie mit gezeichneten Kinowerbungen, die als Einzelbilder wie Dias projiziert wurden.
Diese Werbung lief über 15 bis 20 Jahre; auch als ich als Jugendlicher ins Kino ging, sah ich noch ihre Illustration für das Malergeschäft meines Großvaters. Neben größeren Projekten entstanden zahlreiche Arbeiten des Alltags: Entwürfe zu Etiketten für den selbst gekelterten Wein, Fotocollagen in Familienalben, Neujahrskarten für das Architekturbüro meines Vaters, Einladungen zu Festen, Speisekarten oder Programmhefte eines kleinen Zirkus, der im Dorf gastierte. All dies behandelte sie mit derselben Ernsthaftigkeit wie ihre großen Aufträge – etwa ein großes Panoramabild der Stadt Freiburg im Auftrag des Oberbürgermeisters, Kunst-am-Bau-Projekte für eine Gehörlosenschule oder Illustrationen zu eigenen Geschichten und Märchen. Über Jahre zeichnete sie außerdem regelmäßig Kreuzworträtsel für die Zeitschrift Hörzu. Obwohl ihr diese Arbeit für die Springer-Presse widerstrebte, bot sie eine verlässliche Einnahmequelle, auf die sie angewiesen war.
Welche Rolle spielte das soziale und politische Engagement von Helga Gebert im Alltag und im Familienleben?
Dieses soziale Bewusstsein spielte von Anfang an eine große Rolle. Soziale Ungleichheiten nahm sie sehr genau wahr; sie versuchte, sie auszugleichen und, wo immer möglich, zu helfen – besonders Menschen, die gesellschaftlich benachteiligt waren.
Als Kind war ich davon bisweilen genervt, weil ich mit Kindern spielen sollte, mit denen zu spielen ich eigentlich keine Lust hatte – Kindern, von denen sie meinte, ihnen täte das gut. Oft behielt sie mit ihrer Intuition recht, und aus manchen dieser Begegnungen entstanden Freundschaften. Sie war – und ist bis heute – eine ausgesprochen empathische Person. Viele Menschen suchen ihr Vertrauen, und sie hat einen weiten Kreis an Bekannten und Freund*innen.
Nachdem sie ca. 1988 alleine nach Freiburg zurückgekehrt war, engagierte sie sich rund zwanzig Jahre lang halbtags in einer Organisation zur Unterstützung von Geflüchteten (SAGA). Sie begleitete sie zu Arztbesuchen, übersetzte, half bei Gerichtsverfahren und stand ihnen zur Seite. Besonders am Herzen lagen ihr minderjährige Geflüchtete. In dieser Zeit lebten oft ein oder zwei von ihnen mit in ihrem Haushalt, und viele gingen dort ein und aus. Ihre künstlerische Arbeit setzte sie dabei unvermindert fort – an die Stelle ihrer Kinder, die inzwischen erwachsen waren, traten neue Aufgaben, denen sie sich mit derselben Energie widmete. Ihre Fähigkeit, Sprachen rasch zu erlernen, und ihre große Neugier kamen ihr dabei zugute – im Beruf wie im Ehrenamt.
2004 erhielt sie eine Urkunde der Stadt Freiburg für ihr vorbildliches Engagement in der Unterstützung und Integration jugendlicher Geflüchteter.
Deine Mutter war in der badischen Anti-AKW-Bewegung aktiv – woran erinnerst du dich?
Ihr politisches Engagement bekam ich als Kind unmittelbar mit. Die erste Demonstration, an die ich mich erinnern kann, führte nach Fessenheim in Frankreich, etwa dreißig Kilometer von unserem Wohnort entfernt.
Dorthin nahm sie uns mit – dort erlebte ich auch die ersten Auseinandersetzungen mit der Polizei. Besonders gut erinnere ich mich an die regelmäßigen Besuche in Wyhl. Dort sollte ein Atomkraftwerk entstehen, das letztlich an einer Bürgerinitiative scheiterte. Wir waren häufig vor Ort; meine Mutter kochte für die Besetzer*innen Suppe, und wir verbrachten viele Wochenenden im Hüttendorf und bei Demonstrationen.
Von zentraler Bedeutung für das Werk deiner Mutter scheint die Zusammenarbeit mit dem Verleger Hans-Joachim Gelberg gewesen zu sein – kannst du sie beschreiben?
Zwischen ihr und Jochen Gelberg bestand eine ausgesprochen freundschaftliche Verbindung. Er war für sie von großer Bedeutung und ermöglichte ihr über viele Jahre hinweg vieles – vor allem durch das Vertrauen, das er in sie setzte.
Aus dieser Nähe entwickelte sich eine außerordentlich produktive Zusammenarbeit, die mehr als drei Jahrzehnte währte. In dieser Zeit erschienen zahlreiche ihrer Bücher und erreichten beachtliche Auflagen.
Jochen Gelberg selbst kam regelmäßig zu uns, um Arbeiten mit meiner Mutter zu besprechen; mitunter fuhr sie auch für einige Tage in den Beltz & Gelberg Verlag, um dort an neuen Projekten zu arbeiten. Früh entstand auch eine enge Freundschaft zu seiner Tochter Barbara Gelberg, die im selben Alter wie meine Schwester ist. Als Jugendliche verbrachte sie viel Zeit bei uns und fuhr oft mit in die Ferien – daran habe ich sehr schöne Erinnerungen.
Der Programmbereich Beltz & Gelberg ist für seine politischen Kinderbücher bekannt geworden und hat das deutsche Kinder- und Jugendbuch stark geprägt und verändert – wie manifestierte sich das Gesellschaftliche in den Büchern deiner Mutter bei Beltz & Gelberg?
Das zeigt sich besonders in ihren frühen Veröffentlichungen wie Zwei an einem Dienstag oder Die Geschichte vom Aufblaser Blob, in denen gesellschaftskritische Themen aufgegriffen und Kinder zur Selbstermächtigung ermutigt werden.
Ebenso tritt es in den zahlreichen Rätsel-, Kreuzwort- und Suchbildern hervor, die mit feinem Humor Gesellschaftsbilder, Konventionen und Autoritäten infrage stellen. Ihre Haltung ist dabei typisch für die 1970er Jahre – geprägt vom Geist des Aufbruchs und dem Humor als subversivem Ausdruck von Freiheit.
Wie wirken diese Bücher heute auf dich?
Den Büchern ist anzumerken, dass sie nicht erst kürzlich entstanden sind – die frühen Arbeiten liegen schließlich schon rund fünfzig Jahre zurück.
In Zwei an einem Dienstag wird das besonders deutlich, etwa an den dargestellten Wohnungen und Einrichtungsgegenständen, die klar in den 1970er Jahren verortet sind. Auch die damaligen gesellschaftlichen Modelle – die Kleinfamilie im Hochhaus und als Gegenmodell die Kommune – sind erkennbar. Reizvoll finde ich die frühen, comicartigen Geschichten bis heute gerade wegen ihrer Widerständigkeit gegen bestehende autoritäre Strukturen. Bei den Märchen liegt es anders: Sie wirken zeitloser, schwerer einer bestimmten Epoche zuzuordnen. Helgas Vorbilder waren etwa englische Zeichner des 19. Jahrhunderts – das spiegelt sich in vielen Arbeiten.
Welche Motive und Themen ziehen sich aus heutiger Sicht durch ihr Werk? Was macht ihr Werk aus?
Das Fantastische zieht sich durch ihr gesamtes Werk – das Interesse am Imaginierten, an Metamorphosen und am Poetischen.
Wiederkehrend sind auch das Motiv der Verwandlung von Figuren, die Beziehung zwischen Mensch und Tier sowie der gerichtete Blick: Tiere oder Menschen in ihren Bildern scheinen häufig den Betrachter direkt anzublicken. Rückblickend fällt mir zudem der feine Humor in ihren Bildern auf – etwas, das mir früher weniger bewusst war.
Ich freue mich außerordentlich, dass Jan Sauerwald die Idee zu diesem Projekt hatte und uns nun die Möglichkeit gibt, eine Ausstellung zu Helgas Arbeit zu realisieren. Es gibt erstaunlich viele Veröffentlichungen, etwa im Bunten Hund, die ich erst jetzt im Zuge der Ausstellung zusammentrage. Einige davon kannte ich gar nicht, zum Beispiel Die Geister-Mühle. Auch beim Erstellen des Werkverzeichnisses entdeckten wir vieles bislang Unveröffentlichtes. Dazu gehören Kurzgeschichten, die mir unbekannt waren, und insbesondere die Rätselbilder, die ich früher als Nebenprodukt verstanden habe. Heute halte ich sie für sehr interessant, humorvoll und frech. Der Umfang der unveröffentlichten Arbeiten war mir nicht bewusst: Es gibt ganze fertige Bücher mit Märchen von Giambattista Basile, Giovanni Francesco Straparola, Italo Calvino und anderen sowie selbst geschriebene Märchen, die nie veröffentlicht wurden.
Sie arbeitet nicht für einen klassischen Kunstmarkt; für ihre Bilder existiert er in dieser Form nicht. Das gedruckte Buch ist das eigentliche Zielmedium ihrer Arbeit, nicht die Galerie. Die Verbreitung erfolgt über den Buchhandel. Prägend ist dabei die Kombination aus Wort und Bild, die bei ihr oft buchstäblich zu verstehen ist (Abb. 2) – ebenso wie ihre intensive Auseinandersetzung mit dem Erzählen an sich.
Abb. 2 Illustration zu Das große Rätselbuch, Beltz, 1979.
© Helga Gebert
Wie hat sich dein Verhältnis zu den Arbeiten deiner Mutter im Laufe der Jahre gewandelt?
Als Kind nahm ich das als etwas sehr Selbstverständliches wahr. Es war schön, eine Mutter zu haben, die so wunderbar zeichnen und malen konnte.
Beim Arbeiten war sie ganz bei sich, konzentriert – das vermittelte mir etwas sehr Wertvolles. Für sie war es eine kontinuierliche Beschäftigung, die viel Energie freisetzte und positiv besetzt war. Heute ermöglicht mir die Auseinandersetzung im Zuge der Ausstellung – vor allem die kuratorische Aufarbeitung durch Hanna – einen umfassenden Blick auf dieses Lebenswerk. Das beeindruckt mich außerordentlich. Hinzu kommt, dass wir mit vielen über Helgas Publikationen sprechen: Kaum jemand kennt ihren Namen, doch viele sind mit ihren Büchern aufgewachsen. Ihre Arbeit hat viele erreicht und geprägt.
Was weißt du über das Werk, das sonst niemand weiß?
Ich weiß vielleicht, ob sie ihre Geschichten wirklich im Apfelbaum erfand – oder ob das nur eine schöne Erzählung geblieben ist.
In welchem künstlerischen Netzwerk war Helga Gebert beheimatet?
Es gab zu vielen Studierendenkolleg*innen einen regen Kontakt – vor allem zu Lilo Fromm und Christoph Meckel.
Auch mein Vater pflegte Freundschaften mit Künstler*innen; er engagierte sich beispielsweise am Bildhauer-Symposion in Freiburg um 1977. Daraus resultierten Kontakte zu Alfonso Hüppi, Franz Eggenschwiler, Franz Gutmann, Hannsjörg Voth und anderen. Helga Gebert hatte zudem freundschaftliche Verbindungen zu Christa Näher, Walter Schelenz und Monika Wurmdobler. Mit Illustrator*innen wie Marie Marcks, Friedrich Karl Waechter und Janosch (Horst Eckert) hatte sie über den Verlag Kontakt.
Deine Mutter zeichnete oder produzierte auch bis vor Kurzem immer noch täglich Bilder oder Illustrationen – was war der Inhalt dieser Arbeiten?
In ihren jüngsten Arbeiten stehen Mensch-Tier-Paare im Zentrum, die ohne weiterführende Erzählung im Hintergrund auskommen (Abb. 3, 4).
Es sind sehr eindrückliche Ölbilder, die weniger präzise, dafür wilder und roher wirken. Gerade durch diese Unmittelbarkeit üben sie einen ganz eigenen Reiz aus. Die Dargestellten – stets ein Mensch und ein Tier – verbindet eine tiefe Vertrautheit, als würden sie sich schon sehr lange kennen. Zusätzlich hat sie dadaistische Texte zum Anlass genommen, um dazu Bilder zu malen – etwa Geschichten von Walter Mehring oder Hugo Ball (Abb. 5). Diese eigenwilligen Ölbilder haben etwas Expressionistisches an sich; auch sie sind direkter und gröber gemalt, was ich sehr faszinierend finde.
Abb. 3 freie Arbeit (unveroffentlicht, o.J.).
© Helga Gebert
Abb. 4 freie Arbeit (unveroffentlicht, o.J.).
© Helga Gebert
Abb. 5 Illustration zu Goldkopf von Hugo Ball (unveroffentlicht, o.J.).
© Helga Gebert
Wo liegt aus deiner Sicht der Kern ihrer künstlerischen Haltung?
Der Kern liegt vielleicht darin, dass sie ihr künstlerisches Vorgehen – beim Malen, Erzählen, Übersetzen, dem Hören von Erzählungen anderer Kulturen – ganz eng mit ihrem alltäglichen Leben verschmolzen hat.
Auch in ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit wendet sie dieses künstlerische Handeln an. Dabei ist sie widerständig und lehnt sich gegen autoritäre Strukturen auf – ein stoisches Anarbeiten gegen bestehende Ungerechtigkeiten. Andererseits ist ihr Vorgehen mitunter widersprüchlich. In ihrem Leben hat sie Strukturen akzeptiert, ohne gegen sie anzugehen – was eigentlich nicht ganz verständlich ist. Es sind Zwänge, die sie nicht abgeschüttelt hat, obwohl sie es gekonnt hätte. Vielleicht ist es diese Mischung aus unbestechlichen Positionierungen und Brüchen, die das Leben mit sich bringt. Dazu die Begeisterung für das Fantastische. Und das Humorvolle bricht sich auch in ihrem Alltagsleben immer wieder Bahn.
Jakob Gebert (*1965 in Freiburg im Breisgau) ist Produktdesigner, Ausstellungsarchitekt und Professor an der Kunsthochschule/Universität Kassel. Nach dem Studium an der Hochschule für Gestaltung Basel arbeitete er als selbstständiger Produktdesigner unter anderem für Unternehmen wie Vitra und Nils Holger Moormann. Seit fünfzehn Jahren leitet er gemeinsam mit Hanna Krüger das Designstudio Gebert & Krüger in Kassel. Das Büro kuratiert, gestaltet und realisiert Ausstellungsprojekte für und mit Institutionen, Museen und Hochschulen. Jakob Geberts Arbeit – in Praxis und Lehre – versteht Gestaltung als Kulturtechnik, die verändernd auf das Verhältnis von Menschen zu ihrem Umfeld einwirkt: als gemeinsame Tätigkeit, die in Zwischenräumen andere Weisen des Wohnens, Arbeitens und Zeigens eröffnet – zwischen Objekt und Architektur, zwischen alltäglichen Situationen und kuratierten Räumen, zwischen institutionellen Rahmen und individueller Aneignung.
Jakob Gebert (*1965 in Freiburg im Breisgau) ist Produktdesigner, Ausstellungsarchitekt und Professor an der Kunsthochschule/Universität Kassel. Nach dem Studium an der Hochschule für Gestaltung Basel arbeitete er als selbstständiger Produktdesigner unter anderem für Unternehmen wie Vitra und Nils Holger Moormann. Seit fünfzehn Jahren leitet er gemeinsam mit Hanna Krüger das Designstudio Gebert & Krüger in Kassel. Das Büro kuratiert, gestaltet und realisiert Ausstellungsprojekte für und mit Institutionen, Museen und Hochschulen. Jakob Geberts Arbeit – in Praxis und Lehre – versteht Gestaltung als Kulturtechnik, die verändernd auf das Verhältnis von Menschen zu ihrem Umfeld einwirkt: als gemeinsame Tätigkeit, die in Zwischenräumen andere Weisen des Wohnens, Arbeitens und Zeigens eröffnet – zwischen Objekt und Architektur, zwischen alltäglichen Situationen und kuratierten Räumen, zwischen institutionellen Rahmen und individueller Aneignung.





