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Er erschafft ganze Welten aus Papier

Alexej Tchernyi hat die 14 Dioramen in der GRIMMWELT gestaltet

14 Dioramen aus Papier zur Geschichte des Deutschen Wörterbuchs der Grimms.

Sieben Jahre ist es her, dass Alexej Tchernyi zum letzten Mal vor den 14 Dioramen stand, in denen er aus Papier kleine Welten erschaffen hat und mit denen er für die GRIMMWELT die Geschichte der Entstehung des »Deutschen Wörterbuchs« erzählt hat. Schicht um Schicht hat der Künstler damals die Szenen, Figuren und Hintergründe aufgebaut, und es ist für die betrachtende Person kaum vorstellbar, dass wirklich alles, was zu sehen ist, aus Papier entstanden ist. Nichts ist gezeichnet, alles in Handarbeit mit Skalpell und unendlicher Ruhe gefertigt. Ihren ganzen Zauber entfalten die Dioramen dann, wenn sie beleuchtet werden. Dann erzählen sie mit Licht und Schatten Geschichten.

Doch egal, wie fasziniert die betrachtende Person auch sein mag, der Künstler schlägt an diesem Nachmittag Ende März im 1. Untergeschoss der GRIMMWELT in leichter Verzweiflung die Hände vors Gesicht. »Es ist gut, aber ich sehe vor allem die technischen Fehler«, sagt Tchernyi. Er ist aus Berlin gekommen, um kleine Reparaturen an den Bildkästen vorzunehmen. In einem der Kästen war ein Mann samt dem Stuhl, auf dem er sitzt, einfach umgekippt. Doch wer glaubt, dass es besonders aufwändig sei, die zarten, nicht mal zehn Zentimeter großen Papierfiguren zu richten, der irrt. »Nach einer Minute saß er wieder«, sagt Tchernyi und lacht.

Allerdings hat er in den vergangenen zehn Jahren auch reichlich Erfahrung im Umgang mit der Materie Papier gesammelt. In seinem Studio in Berlin-Wedding sammelt er stapelweise Papier: dickes, dünnes, helles, dunkles, Graspapier, Hanfpapier und das Papier, das er selbst geschöpft hat. Während die Brüder Grimm die deutsche Sprache erforschten und stapelweise Papier benötigten, um ihre Notizen anzufertigen, erforscht Tchernyi seit zehn Jahren die Materie Papier. Dabei zerstört er es, entfremdet es, verwandelt es und bringt es in neuer Form zum Leben.

  • Alexej Tchernyi im März 2023 in der Grimmwelt vor seinen Dioramen

    Alexej Tchernyi Ende März 2023 in der GRIMMWELT

Zwei unterschiedliche Techniken

Um seine Arbeiten anzufertigen, nutzt er zwei unterschiedliche Techniken: die addierende und die subtrahierende, wie Tchernyi es ausdrückt. Für die addierende Technik schöpft Tchernyi sein eigenes Papier. Er zerkleinert es im Blender und legt es dann, Schicht um Schicht, wieder aufeinander, um zum Beispiel Figuren, Häuser oder Kutschen aus Papier zu erschaffen. Je dichter das Papier aufeinander liegt, desto weniger Licht fällt durch. Je transparenter eine Stelle, desto heller erscheint der Punkt am Ende, wenn er in einem Bildkasten in Szene gesetzt wird. So entstand zum Beispiel auch die Figur des lesenden Mannes auf dem Stuhl im Diorama der GRIMMWELT, der gerichtet werden musste. Was für eine fachfremde Person wie eine Zeichnung aussieht, ist ausschließlich aus übereinanderliegendem, selbst geschöpftem Papier entstanden.

Bei der subtrahierenden Technik arbeitet Tchernyi, der 1976 in Charkiw in der Ukraine geboren wurde, wie ein Bildhauer. Nur, dass er nicht Stein oder Marmor bearbeitet, sondern eben Papier. Sein wichtigstes Werkzeug: Das Skalpell. »Das ist mein Pinsel. Auf ein Messer kann ich nicht verzichten.« Damit schabt, reibt oder ritzt er das Papier, er reißt feinste Schichten ab und formt so im Papier seine Bilder. Was sich wahllos anhört, bedarf höchster Konzentration. »Im Leben bin ich überhaupt nicht extrem präzise, aber bei dieser Arbeit geht es um Präzision.« Im Tageslicht betrachtet sind die entstandenen Werke - oft Porträts, aber auch Landschaften - kaum sichtbar. Erst, wenn sie von hinten beleuchtet werden, entfalten sie ihre Kraft.

Die Abhängigkeit vom Licht sei zwar ein Nachteil, sagt Tchernyi. Der große Vorteil von Papier sei aber seine Leichtigkeit. Seine Frau Wu Zhi ist Malerin, malt in Öl auf Leinwand. »Da muss man immer viel schleppen«, sagt ihr Mann. Er könne einfach 100 Blatt in eine Mappe legen und unter den Arm klemmen. Da sei es auch egal, ob das Papier 80 Gramm oder 1000 Gramm schwer sei.

14 Dioramen aus Papier zur Geschichte des Deutschen Wörterbuchs der Grimms.

Vom Bühnenbildner zum freien Künstler

Seine Art zu arbeiten, ist genauso ungewöhnlich wie sein Werdegang. Mit 14 Jahren beginnt Tchernyi in Charkiw eine Ausbildung zum Bühnenbildner, dort lernt er drei Jahre lang Zeichnen, Malen und wie man ein Bühnenbild komponiert. Dann emigriert er - ohne Abschluss - nach Deutschland und studiert drei Jahre an der Kunsthochschule in Kassel Freie Kunst. Von dort zieht es ihn nach Potsdam, wo er Regie und Animationsfilm an der Filmuniversität Babelsberg (HFF) studiert. Seither arbeitet er als freier Künstler.

Seine Arbeit heute sei eine Synthese aus Malerei, Trickfilm und Bühne. Für ein Diorama brauche es auch ein Storyboard, eine Bühne und vor allem Licht. Allerdings mache er Dioramen nie für sich im Studio. »Dafür habe ich gar nicht den Platz.« Die Dioramen sind eine Spielart seiner künstlerischen Arbeit für das Museum. Mittlerweile stehen seine Dioramen nicht nur in der GRIMMWELT, sondern auch im Forschungsmuseum Schöningen, im Mitmach-Museum in Straubing und im Futurium in Berlin.

Dioramen von Alexej Tchernyi zeigt wie die Brüder aus Göttingen entlassen werden

Die Brüder werden aus Göttingen entlassen

Detail eines Dioramas von Alexej Tchernyi zeigt wie der Vorvertrag unterschrieben wird

Der Vorvertrag wird unterschrieben

Dioramen von Alexej Tchernyi

Das große Exzerpieren beginnt

Diorama von Alexej Tchernyi in der Dauerausstellung, zeigt wie die erste Lieferung geliefert wird

Die erste Lieferung »A-Allverein« erscheint

14 Dioramen aus Papier zur Geschichte des Deutschen Wörterbuchs der Grimms

Das Wörterbuch wird institutionalisiert

Im Schlafsack in der GRIMMWELT

Insgesamt anderthalb Jahre hat Alexej Tchernyi an den 14 Dioramen in der GRIMMWELT gearbeitet. Aber der eigentlichen künstlerischen Arbeit, die er alleine macht, sei ein langer Recherche-Prozess mit einem mehrköpfigen Team vorangegangen, betont der Künstler. »Ein Diorama wie das in der GRIMMWELT zu gestalten, ist ein bisschen so, wie einen Film zu machen. Da braucht es auch ein Drehbuch, einen Regisseur und einen Produzenten.« Die Idee zu den Dioramen hatten Nicola Lepp und Annemarie Hürlimann, die Konzeption und Regie der Dauerausstellung verantwortet haben.

Den letzten Monat vor der Eröffnung der Ausstellung hat Tchernyi damals in Kassel gewohnt und viele Tage und Nächte in der GRIMMWELT mit seinen Papierwelten verbracht. »Ich habe fast hier gelebt, mit Schlafsack«, sagt Tchernyi. Er arbeite immer bis zur letzten Minute. Die Zeit treffe dann die Entscheidung, wann ein Diorama fertig sei. »Man vergisst sich, wenn man arbeitet. Man sucht danach, wie ein Kind zu malen und sich in der Arbeit zu verlieren.«

Den Schlafsack hat er für seinen diesmaligen Besuch nicht benötigt. Für die kleinen Reparaturen brauchte Tchernyi dann nur einen Tag - auch wenn er noch tausend Ideen für Veränderungen gehabt hätte. Trotzdem hofft er, dass sich viele Menschen das Diorama in der GRIMMWELT persönlich anschauen werden. Denn:

»Man muss es in echt sehen, um es zu verstehen, auf Fotos funktioniert es nicht.«

Alexej Tchernyi

Ihren wahren Zauber entfalten die Dioramen eben erst dann, wenn man vor ihnen steht und eintauchen kann in die Bildwelten, die Alexej Tchernyi in Handarbeit gefertigt hat.

Autorin: Amira Sayed El Ahl