Eröffnung
»ZWISCHEN GESTALTEN | HELGA GEBERT.
Erzählen in Bild und Wort«

Neue Sonderausstellung ab 12. Juni 2026 in der GRIMMWELT Kassel
kuratiert von Hanna Krüger


PRESSEMITTEILUNG | Kassel, 21.05.2026

Menü
Heute

Nächste Veranstaltung

Ein Gruppe von Menschen wird durch die Ausstellung geführt.

24. Mai. | 15.00 Uhr

Die GRIMMWELT von A-Z

Dauerausstellung

Mutter und Kind schauen sich Märchenbücher im Bereich VOLKSMÄRCHEN an.

Erlebnisraum GRIMMWELT

Hier kommen die Brüder Grimm in der Jetzt-Zeit an: Künstlerisch, interaktiv und multimedial vermittelt.

»Ihre Bilder lassen uns erneut glauben, dass es leicht ist, mit Pflanzen zu sprechen oder sich in einen Vogel zu verwandeln.


Kann Kunst ein größeres Geschenk machen? «

(aus Cornelia Funkes Katalogbeitrag Eine frühe Begegnung)

ÜBER DIE AUSSTELLUNG

Aschenputtel und Schehrezâd, der furchtlose Jonny, die »Zwei an einem Dienstag « und der »Aufblaser Blob« – willkommen in der Welt von Helga Gebert und ihrer Gestalten! Am 12. Juni eröffnet die erste umfassende Einzelausstellung der bekannten Illustratorin, Malerin, Übersetzerin, Märchensammlerin und Autorin in der GRIMMWELT Kassel, die vom 12. Juni 2026 bis zum 24. Januar 2027 zu sehen sein wird. »ZWISCHEN GESTALTEN | HELGA GEBERT. Erzählen in Bild und Wort« zeigt mit über 200, teils unveröffentlichten Arbeiten, biografischen Spuren und interaktiven Stationen die Vielfalt ihres Werkes: von Illustrationen zu Grimms Märchen und »1001 Nacht« zu ihren eigenen frühen, von der antiautoritären Bewegung inspirierten Kinderbüchern, die die Erneuerung des deutschsprachigen Kinderbuchs ab den 1970er Jahren maßgeblich mitgeprägt haben. Die GRIMMWELT Kassel zeigt mit der umfassenden Ausstellung: es ist Zeit, für eine Wieder- und Neuentdeckung Helga Geberts!

Reisende Märchensammlerin

Helga Gebert – 1935 im Breisgau geboren, wo sie bis heute lebt und zeichnet – sammelte unter anderem auf Reisen internationale Märchenstoffe und illustrierte zahlreiche Märchensammlungen. Neben den »Kinder- und Hausmärchen« der Brüder Grimm gehören dazu z.B. auch britische Märchen, die »Märchen der Frauen« oder »1001 Nacht«, für die sie selbst aus dem Arabischen übersetzte.

Märchen gehören allen und niemandem. Sie tragen die Spuren vieler Hände, vieler Zeiten, vieler Absichten, in die sich Helga Gebert mit ihrer ganz eigenen Haltung über das Mittel der Illustration einmischt. Nicht durch Wiederholung, sondern durch Entscheidung: welche Szene, welche Figur, welcher Blick, welcher Moment. Uneindeutigkeit ist ihr dabei lieber als Eindeutigkeit, Ambivalenz lieber als Auflösung – Witz neben Grusel, Zauber neben Düsternis. Ihre Bildwelten stellen in Frage, was als normal gilt, und öffnen Räume für andere Vorstellungen. Helga Gebert faszinieren genau diese Deutungsräume, die die Märchenerzählungen der Fantasie und dem »magischen Denken« überlassen: »Das ist, was man auch als Kind im magischen Alter so sehr liebt – wenn hinter jedem Busch ein Zwerg stehen könnte« (Helga Gebert aus: Badische Zeitung, 2022).

»Vor euch hat kein Kind mehr Angst!«

Neben der intensiven Beschäftigung mit Märchenstoffen, hat Gebert als Autorin und Illustratorin die Erneuerung des deutschsprachigen Kinderbuches in den 1970er und 80er Jahren maßgeblich mitgeprägt. Sie war viele Jahre eine der zentralen künstlerischen Stimmen des 1971 gegründeten Verlages Beltz & Gelberg, der mit seinen orangenen Einbänden federführend in der emanzipatorischen Umwälzung und Neuerzählung der Kinder- und Jugendliteratur war. Helga Gebert hatte von Beginn an eine wichtige Position innerhalb des Verlages, illustrierte zahlreiche bekannte Bücher auch anderer Autor*innen, wie die »Katze mit Hut«, schrieb und bebilderte eigene Bücher, die Kindern Mut machten ihre eigene Geschichte mit Fantasie zu erfinden und selbst unerschrocken in die Hand zu nehmen.
»Haut ab, vor Euch hat kein Kind mehr Angst« ruft Johann aus einem ihrer frühen Titel in den Wald den imaginären Monstern zu. Unter dem Bild folgt die Erklärung: »Früher, als seine Eltern noch Kinder waren, gab es in dem Wald Gespenster. Johann hat keine Angst. Er geht gerne durch den Wald.« (aus: Helga Gebert »Zwei an einem Dienstag. Johann im Dorf und Jonny in der Stadt«, 1976)

Eine Ausstellung in 7 Kapiteln


Helga Gebert spielt mit dem Spannungsfeld zwischen Text und Bild, zwischen überliefertem Stoff und neuen Deutungsmöglichkeiten. Die Ausstellung lotet diese Zwischenräume in den Kapiteln: Fabulieren, Figurieren, Übersetzen, Verwandeln, Aneignen, Erschrecken, Wi(e)dererzählen aus. Wie verändern Bilder den Blick auf eine Geschichte? Welche Wirkung hat die Körperhaltung einer Figur, der Ausdruck eines Gesichts? Worin liegt die anhaltende Faszinationskraft der Märchen?
Ob die erstaunlich moderne Zeichnung Aschenputtels mit androgynen Zügen oder der freche Wortwitz ihrer Bilderrätselbücher – ihre Geschichten und Gestalten veranschaulichen die Gratwanderung zwischen vertrauten Erzählungen und Bildern und der Freude daran sie eigensinnig fort- und umzuschreiben. Oder wie sie es selber erzählt: »Beim Malen wollen dann die Figuren anders herum. Eigentlich habe ich gedacht, so soll es aussehen und dann kommt es plötzlich anders.«

Helga Gebert für alle Altersgruppen erklärt


»ZWISCHEN GESTALTEN | HELGA GEBERT. Erzählen in Bild und Wort« ist eine Ausstellung, in der Kinder wie Erwachsene über die starken Illustrationen Helga Geberts, wie über interaktive, filmische, auditive Elemente und künstlerische Interventionen in den Geschichten- und Gestaltenkosmos Helga Geberts abtauchen können: Aladdin wird in einem Projekt der Kasseler Künstlerin Catrine Val von Müttern in unterschiedlichen Muttersprachen erzählt. Durch die Soundcollage der Künstlerin Katharina Zimmerhackl können Besuchende das Unheimliche nicht nur sehen, sondern auch hören und selbst erzeugen. Rotkäppchen und der Wolf lassen sich in einer digital-analogen Spielstation des Kasseler Künstlers Olaf Val mit Illustrationen von Lina Walde verwandeln – und stellen damit die Frage, wer hier eigentlich wen bedroht. Schüler*innen haben nicht nur teilgenommen, sondern mitgestaltet: Die Arbeiten einer 6. Klasse des Kasseler Wilhelmsgymnasiums sind Teil einer interaktiven Station von ZWISCHEN GESTALTEN und animieren wiederum zum Selber-Malen in der Ausstellung. Dazu gibt es für Kinder wieder die kostenlose Rätselspur, mit der sich selbständig die Ausstellung entdecken können.

WHO IS HELGA?

Durch die gesamte Ausstellung zieht sich die biografische Spur WHO IS HELGA. Textfragmente, Zitate und eine animierte Filmcollage aus Geberts Kosmos der Gestalten und historischem Fotomaterial, machen sichtbar, wie Leben und Werk von Helga Gebert ineinandergreifen. Sie lassen mosaikhaft die Künstlerin für sich sprechen, die über viele Jahrzehnte neben ihrer künstlerischen Arbeit eine große Familie aufzog und ebenso intensiv gesellschaftspolitisch engagiert war.

Voller Eigensinn und Faszination für die Freiheit irrationaler Fantasiewelten lotet
Helga Gebert in ihrer Arbeit immer wieder die Zwischenräume aus – das Ungereimte, Ambivalente und Unerwartete. Die Fantasie ist bei ihr kein Eskapismus, sondern Denkraum. Wer sich auf das Unmögliche einlässt, beginnt, das Mögliche anders zu sehen – und fragt sich unweigerlich: Was gebe ich weiter, wenn ich eine Geschichte weitererzähle? Und was verändere ich damit? ZWISCHEN GESTALTEN zeichnet ein feines Bild ihres von Humor und großer künstlerischer Autonomie geprägten Werkes und der Persönlichkeit dahinter.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Kerber Verlag.

WHO IS HELGA - Biografie

»Am Nachmittag bin ich oft in einen Garten hinter unserem Haus gegangen. Da gab’s einen großen Apfelbaum mit dicken Ästen, die waren gut zum Sitzen. Vogelnester gab’s und Spinnen und Bienen und Mücken. Auf einem breiten Aststück war mein Platz: Da dachte ich mir meine ersten Geschichten aus und zeichnete sie«

(Helga Gebert aus: Märchenforum Winter 2014/15)

Biografie zu Helga Gebert

Helga Gebert (*16. Januar 1935 in Freiburg im Breisgau) ist Illustratorin, Malerin, Autorin und Übersetzerin. Bekannt wurde sie vor allem durch ihre Märchenbücher, für die sie Illustrationen schuf, eigene Textfassungen erarbeitete und Übersetzungen aus den Originalsprachen ins Deutsche vorlegte. Für ihre Arbeit lernte sie unter anderem Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch und Arabisch. Ihre Illustrationen reichen von feinen Federzeichnungen und Aquarellen bis zu detailreichen Ölbildern. Neben Buchillustrationen entwarf sie auch Wand- und Bühnenbilder, unter anderem für die Freiburger Kinderklinik und das Wallgraben-Theater Freiburg. Ab 1963 arbeitete sie zudem als Gestaltungstherapeutin in der psychosomatischen Abteilung der Universitätsklinik Freiburg. Seit den 1970er-Jahren prägte sie das Kinder- und Jugendbuchprogramm des Verlags Beltz & Gelberg maßgeblich und engagierte sich gesellschaftlich – in der Anti-Atomkraft-Bewegung ebenso wie in der Freiburger Geflüchtetenhilfe.

Ihre Begeisterung für Märchenwelten entwickelte sich bereits in ihrer frühen Kindheit. Helga Gebert wuchs in Freiburg und in einem kleinen Dorf im Südschwarzwald auf, wo eine Tante sie in die Welt der Geschichten, des Malens und des Zeichnens einführte. Nach ihrer Schulzeit studierte sie Malerei an der Staatlichen Akademie der Künste in Freiburg. Seither versteht sie sich als Malerin fantastischer Welten – und ist es bis heute geblieben:

»In meinem Leben hat sich seither nicht viel geändert. Immer noch denke ich mir Geschichten aus, immer noch male ich meine Bilder dazu. – Nur sitze ich heute nicht mehr so oft im Apfelbaum, ich nehme meistens einen Stuhl«


(Helga Gebert aus: Märchenforum Winter 2014/15)

Cornelia Funke über Helga Gebert

»Ihre Gestalten, ob Zwerg, Nymphe oder Mensch, sind immer verbunden mit Pflanze und Tier, eins mit dem Netz, das das Leben über diesen Planeten spannt. Es ist leicht, sich vorzustellen, dass ihre Menschen plötzlich Fell oder Federn treiben, dass Blumen die Wurzeln aus der Erde ziehen und zu Feen werden. Es ist alles eins. Helga Gebert weiß das.


Vielleicht macht auch dieses Wissen die Gesichter, die sie malt, so unvergesslich. Sie blicken uns oft direkt an. Fast, als wollten sie uns an all das erinnern, was wir vergessen haben. All den Zauber und Schrecken, mit denen diese Welt uns umfängt, auch wenn wir unsere Mauern immer höher und unsere Straßen immer breiter bauen.


Ihre Bilder lassen uns erneut glauben, dass es leicht ist, mit Pflanzen zu sprechen oder sich in einen Vogel zu verwandeln.


Kann Kunst ein größeres Geschenk machen? «

(aus Cornelia Funkes Katalogbeitrag Eine frühe Begegnung)

STATEMENT HANNA KRÜGER KURATORIN

Hanna Krüger, Kuratorin der Ausstellung

»Ich kenne Helga. Sie ist die Mutter meines Mannes und die Großmutter meines Kindes. Innerhalb der Familie übernimmt sie zahlreiche Rollen – und sie begegnet mir in vielen von ihnen. Sie begegnet mir als Erzählerin, als Malerin, als Illustratorin, als Zuhörerin; als eigenwillige, unangepasste Frau, an die ich viele Fragen habe – und deren Sammlung und Bearbeitung von Märchenstoffen mich seit Beginn dieses Ausstellungsprojekts immer wieder herausfordern. (…)

Die Ausstellung ZWISCHEN GESTALTEN | HELGA GEBERT. Erzählen in Bild und Wort entwirft einen kollektiven Imaginationsraum, in dem die erzählte Welt gemeinsam verhandelt wird. Märchen und Geschichten lassen sich als Versuche lesen, die Komplexität der Welt zu ordnen und sich in ihr zurechtzufinden. Zugleich stabilisieren sie bestehende Macht- und Werteordnungen und verankern gesellschaftliche Vorstellungen. Sie fassen gesellschaftliche Herausforderungen in überschaubare Handlungsabläufe und verwandeln Unsicherheiten in scheinbare Gewissheiten. Gleichzeitig sind sie der Ort, an dem Ordnungen auf den Kopf gestellt werden. Erzählen eröffnet Zuhörer*innen die Möglichkeit, an diesem Prozess mitzuwirken, Lösungen zu erproben und sich Welten jenseits der Realität vorzustellen. Welche Ordnung ist überhaupt gewiss? Was geschieht in ihren unsicheren Zwischenräumen?

Helga Geberts Werk antwortet aus diesen Zwischenräumen. Sie sind der Ort, an dem ihre Erzählungen im Zusammenspiel von Wort und Bild entstehen. Die daraus hervorgehenden Bildräume greifen Ordnungssysteme der Geschichten und Märchen auf – überlieferte ebenso wie neu angelegte. Zugleich beschreiben und unterlaufen sie diese Ordnungen. Ihre Arbeiten entziehen sich einer eindeutigen Lesart: Es bleibt offen, ob sie dem Kanon folgen, ihn dekonstruieren – oder beides zugleich tun. (…)

Helga Gebert erzählt, malt und zeichnet ihr Leben lang. Über 2000 Bilder stapeln sich in ihren Schubladen. Sich in diese dicht gedrängte Welt zu begeben, heißt, Gleichzeitigkeit zu erfahren: von Zeiten, Bildwelten, Kulturen und ihren Erzählungen. (…) Die Ordnung der Ausstellung schafft Brüche und quer verlaufende Konstellationen. Sie bringt Bilder ins Gespräch, die nicht in derselben Schublade lagen oder bisher in verschiedenen Büchern beheimatet waren. Sie versucht, Öffnungen in vermeintlich geschlossenen Logiken und Hierarchien von Erzähl‑ und Märchenwelten herzustellen und ihnen Helga Geberts fragende Haltung entgegenzusetzen – eine transversale kuratorische Praxis, die dazu auffordert, Gewissheiten aufzugeben, sich selbst aufs Spiel zu setzen und Neues zu erfahren, um Räume zu öffnen: für sich selbst und für andere. Für diesen Anspruch ist Helga Geberts Werk ein Geschenk. «

(aus Hanna Krügers Katalogbeitrag WHAT IF. Über das Verlernen von Gewissheiten)

STATEMENT JAN SAUERWALD GRIMMWELT Kassel

Jan Sauerwald, Programmleiter und Geschäftsführer GRIMMWELT Kassel

»Helga Gebert erzählt in Wort und Bild lebhafte Geschichten, die es wiederzuentdecken gilt. Gebert hat in ihrer Rolle als Illustratorin die nach 1945 in Deutschland etwas in Verruf geratenen Märchenstoffe rehabilitiert und diese ab den 80er Jahren für ein junges Publikum durch ihre starke Bildsprache zeitgemäß übersetzt. Sie hat als Autorin des Beltz & Gelberg Verlags mit seinen unübersehbaren orangenen Einbänden von den 1970ern bis in die 90er Jahre die Entwicklung des Kinder- und Jugendbuchs mitgeprägt. Ihre Arbeiten bereichern die Kinderbuchliteratur der Zeit um das Fantastische und Rätselhafte, haben aber auch die Darstellung der Lebensrealitäten von Kindern, also den Realismus, stark gemacht. Die Arbeiten Helga Geberts bilden eine Ausnahmeerscheinung im Feld der Märchenillustration, weil die Künstlerin mit einem weiten Blick auf die internationalen Märchenstoffe schaut, wie sonst keine ihrer Zeitgenoss*innen.

Helga Gebert ist eine leidenschaftliche Erzählerin, deren Freude an den Geschichten in starken, oft eigensinnigen Charakteren ungebrochen sichtbar wird. Es ist uns eine große Freude, mit »ZWISCHEN GESTALTEN« Helga Geberts erste Einzelausstellung in der GRIMMWELT zeigen zu dürfen. Wir danken ihr, ihrem Sohn Jakob Gebert und der Kuratorin Hanna Krüger für diese Möglichkeit und laden gemeinsam ein zum Eintauchen und Staunen, zum Neu- und Wiederentdecken des Werkes von Helga Gebert! «

INTERVIEW MIT JAKOB GEBERT

Jakob Gebert, Gestalter & Sohn Helga Geberts

»Für die GRIMMWELT liegt der besondere Reiz dieser Ausstellung in der Vielseitigkeit und Vieldeutigkeit des Werks von Helga Gebert. Es ermöglicht das Aufgreifen ganz wesentlicher Aspekte heutiger Erzähl- und Märchenforschung. Außerdem eröffnet die Zusammenarbeit in dieser Konstellation ganz besondere Einblicke in Werk und Leben der Künstlerin. Wie ist deine Mutter zur Kunst beziehungsweise zur Illustration gekommen? Was hat ihren Weg geprägt?

Jakob Gebert: Eine wesentliche Rolle spielte ihre Tante aus Hamburg, die als wissenschaftliche Zeichnerin tätig war. Ab etwa 1940 lebte Helga mit ihr in einem kleinen Dorf im Hochschwarzwald – zusammen mit ihrem jüngeren Bruder, ihrer englischen Großmutter (die ebenfalls malte und ihr das Klavierspielen beibrachte) sowie zwei Cousins und einer Cousine. Sie mochte ihre Tante – die Frau des Bruders der Mutter – sehr und blieb ihr zeitlebens verbunden. Ihr Vater mietete dort ein Haus und stellte eine Haushaltshilfe aus dem Dorf ein, die bei der Betreuung der Kinder half. Die Eltern blieben in Freiburg und kamen alle zwei bis drei Monate zu Besuch.

Mit ihrer Ziehmutter, wie Helga die Tante nennt, malte sie fast täglich Aquarelle in der Landschaft. Zahlreiche Briefe an ihre Eltern belegen das – sie waren stets mit Zeichnungen und Aquarellen illustriert. Auch ihr Vater hatte Malerei an der Kunstakademie in München studiert. Ausschlaggebend blieb jedoch die Tante, die Helga zum täglichen Zeichnen und Malen anhielt – einer für die kommenden 85 Jahre lebensprägenden Praxis.

Welche Rolle spielte das Studium an der Freiburger Kunstakademie für Helga Gebert?

Helga beendete mit 16 Jahren die Schule, begann eine Ausbildung zur Fotografin, brach sie jedoch ab und ging als Au-pair nach England. Mit 17 nahm sie ihr Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Freiburg auf. Dort entstanden prägende Freundschaften mit Lilo Fromm, Christoph Meckel, Bert Jäger, Karlheinz Scherer und vielen weiteren Künstler*innen. Das freie Arbeiten und die intensive Förderung ihres Talents wurden für sie zu einer zentralen, ausgesprochen positiven Erfahrung. (…)

Wie würdest du ihren Arbeitsort beschreiben?

Meine Mutter hatte ihr Atelier immer dort, wo sie auch lebte – und das bis heute. Früher besaß sie ein Winter- und ein Sommeratelier; letzteres befand sich in einem kleinen, nicht beheizbaren Häuschen. In beiden Räumen – im Wohnhaus, einem alten, von meinem Vater sanierten Bauernhaus, ebenso wie im Sommeratelier – lag ihr Arbeitsplatz unter dem Dach. Beide waren galerieartig angelegt: offen zum darunterliegenden Raum, lichtdurchflutet und nicht abgeschlossen. Das entsprach ihrer Art zu arbeiten – sie blieb ansprechbar, nie abgeschottet. Arbeits- und Lebensort waren für sie stets eng miteinander verbunden, auch in den Jahren, in denen sie keine familiären Verpflichtungen mehr hatte. Diese Einheit prägte mich tief: Ich fand es faszinierend, wie selbstverständlich sie Arbeit und Alltag verband und das künstlerische Schaffen als Teil des gelebten Lebens verstand.

Welche Erinnerungen sind mit dem künstlerischen Arbeiten deiner Mutter verbunden?

Ihr Tagesablauf unterschied sich deutlich von dem der übrigen Familie – einer großen Patchworkfamilie mit vielen Kindern. Meist stand sie erst gegen Mittag auf und arbeitete nachts bis etwa vier Uhr morgens in ihrem Atelier, an einem schweren Eichentisch, den sie bis heute benutzt. Darauf lagen Bunt- und Bleistifte, Feder und Tusche, Aquarell- und Ölfarben, Pinsel – dazu der Duft von Räucherstäbchen, eine brennende Roth-Händle und oft ein Glas Wein. Zahlreiche Lampen tauchten den Tisch in warmes Licht, während abends häufig Freundinnen vorbeikamen, um mit ihr zu plaudern, während sie zeichnete oder malte. Für mich als Kind begann jeder Morgen mit einem Blick auf diesen Tisch – auf das, was in der Nacht entstanden war.

Meine Mutter hat uns sehr viel vorgelesen – Märchen aus aller Welt, aber auch zum Beispiel Der kleine Hobbit von Tolkien. Zu ihren Lieblingszeichner*innen gehörten Winsor McCay (Little Nemo), Lyonel Feininger (The Kin-der-Kids) und Maurice Sendak (Wo die wilden Kerle wohnen, Der kleine Bär). Oft erfand sie eigene Geschichten, die wir teilweise für reale Beschreibungen hielten. Manche waren furchteinflößend – etwa die von riesigen Heuschrecken, die gerade den Kirchturm unseres Dorfes überquert hatten. Ihr Arbeiten und unser Alltag waren aufs Engste miteinander verwoben – wir erlebten ihre Arbeit täglich mit.

Was weißt du über das Werk, das sonst niemand weiß?

Ich weiß vielleicht, ob sie ihre Geschichten wirklich im Apfelbaum erfand – oder ob das nur eine schöne Erzählung geblieben ist.«

(aus dem Katalogbeitrag Geprägt vom Geist des Aufbruchs und dem Humor als subversivem Ausdruck von Freiheit. Ein Gespräch mit Jakob Gebert)

KATALOG

Zwischen Gestalten: Helga Gebert. Erzählen in Bild und Wort
256 Seiten, 250 farbige Abbildungen, DE
Softcover, 21 × 26 cm
ISBN 978-3-7356-1102-4
35 € regulärer Verkaufspreis
25 € nur im Shop der GRIMMWELT während des Ausstellungszeitraums
Herausgegeben von: GRIMMWELT Kassel gGmbH
Gestaltung: Antonia Terhedebrügge, STUDIO TERHEDEBRÜGGE
voraussichtlicher ET 29.7.2026

Das Erzählen von Geschichten ist ein lebendiger Austausch über Zeiten und Kulturen hinweg. Die fantastischen Welten von Helga Gebert regen dazu an, ihre narrativen wie ästhetischen Strategien im Kontext heutiger Diskurse zu befragen. Ihr humorvolles und immer wieder überraschendes Werk veranschaulicht die feinen Gratwanderungen zwischen vertrauten Traditionen und den Möglichkeiten ihrer Irritation – ob mit Illustrationen der Grimm'schen Märchen und 1001 Nacht oder mit ganz eigenen Erzählungen. Die Publikation zur Ausstellung erschließt erstmalig das Werk der Illustratorin und Autorin, die 1935 in Freiburg im Breisgau geboren wurde und zu einer der prägenden Figuren der Erneuerung des deutschen Kinder- und Jugendbuches in den 1970er Jahren wurde. Zahlreiche Abbildungen des facettenreichen Werks treffen auf Textbeiträge aus unterschiedlichen Perspektiven: Wissenschaftliche Expertisen aus Literaturwissenschaft, Ästhetischer Bildung sowie Kunst- und Kulturwissenschaften verbinden sich mit Einblicken von Wegbegleiter*innen in Biographie, Engagement und Arbeitsweisen von Helga Gebert.

Mit Beiträgen von: Cornelia Funke | Buchillustratorin und Geschichtenerzählerin |Prof. Jakob Gebert | Produktdesigner, Ausstellungsarchitekt und Professor an der Kunsthochschule/Universität Kassel, Studio Gebert & Krüger | Barbara Gelberg | Lektorin, Beltz & Gelberg | Prof. Dr. Nazli Hodaie | Professorin für Deutsche Literatur und ihre Didaktik an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd | Prof. Dr. Alexandra Karentzos | Professorin für Mode und Ästhetik an der Technischen Universität Darmstadt | Hanna Krüger | Designerin, Ausstellungsarchitektin und Kuratorin, Studio Gebert & Krüger | Dr. phil. Dennis Quincy Odukoya | Soziologe an der Ludwig-Maximilians-Universität München | Dr. Claudia Roßkopf | Kulturanthropologin, Bereich Ausstellungen/ GRIMMWELT Kassel und Fachgebiet Ästhetische Bildung/ Universität Kassel | Jan Sauerwald | Geschäftsführer & Programmleiter, GRIMMWELT Kassel | Dr. Iris Schäfer | wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Jugendbuchforschung der Goethe-Universität in Frankfurt am Main | Dr. Sven Schoeller | Oberbürgermeister der Stadt Kassel | Dr. Andreas Wicke | Dozent am Institut für Germanistik der Universität Kassel in den Bereichen Literaturwissenschaft und Literaturdidaktik | Prof. Dr. phil. Kirsten Winderlich | Leiterin der Grundschule der Künste, Universität der Künste Berlin

Eine Leseprobe finden Sie ab ca. Mitte Juli in unserem Downloadbereich. 

BIOGRAFIEN MITWIRKENDE

Hanna Krüger, Kuratorin der Ausstellung

Hanna Krüger wurde 1979 in Berlin geboren. Sie studierte Produktdesign an der Kunsthochschule Kassel sowie Kulturen des Kuratorischen an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Heute arbeitet sie als Designerin, Ausstellungsarchitektin und Kuratorin; seit fünfzehn Jahren leitet sie gemeinsam mit Jakob Gebert das Designstudio Gebert & Krüger in Kassel.

Ihre Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle von Kulturtechniken, Gestaltung, Kunst und Naturwissenschaften. Charakteristisch ist ein transdisziplinärer Zugang, der künstlerische, gestalterische und kuratorische Perspektiven miteinander verschränkt. Daraus entstehen sorgfältig komponierte, atmosphärisch dichte Ausstellungsprojekte, in denen ästhetische, kulturelle und gesellschaftliche Fragestellungen zu vielschichtigen Erzählräumen verwoben werden.

Mit dem Studio Gebert&Krüger realisierte sie Ausstellungsprojekte u.a. für die Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD), das MAK Wien, die GRIMMWELT Kassel oder die Staatliche Naturwissenschaftliche Sammlungen Bayerns (SNSB).

Jakob Gebert, Gestalter der Ausstellung & Helga Geberts Sohn

Jakob Gebert (*1965 in Freiburg im Breisgau) ist Produktdesigner, Ausstellungsarchitekt und Professor an der Kunsthochschule / Universität Kassel. Nach dem Studium an der Hochschule für Gestaltung Basel arbeitete er als selbstständiger Produktdesigner unter anderem für Unternehmen wie Vitra und Nils Holger Moormann.

Seit fünfzehn Jahren leitet er gemeinsam mit Hanna Krüger das Designstudio Gebert & Krüger in Kassel. Das Büro kuratiert, gestaltet und realisiert Ausstellungsprojekte für und mit Institutionen, Museen und Hochschulen.

Jakob Geberts Arbeit – in Praxis und Lehre – versteht Gestaltung als Kulturtechnik, die verändernd auf das Verhältnis von Menschen zu ihrem Umfeld einwirkt: als gemeinsame Tätigkeit, die in Zwischenräumen andere Weisen des Wohnens, Arbeitens und Zeigens eröffnet – zwischen Objekt und Architektur, zwischen alltäglichen Situationen und kuratierten Räumen, zwischen institutionellen Rahmen und individueller Aneignung.

Gebert & Krüger Designstudio, Ausstellungsgestaltung

Gebert & Krüger ist ein Designstudio mit Sitz in Kassel. Jakob Gebert und Hanna Krüger arbeiten im Bereich Ausstellungsgestaltung, Szenografie, Kuration und Produktdesign und sind beide in Forschung und Lehre aktiv. Jakob Gebert ist Professor für Produktdesign an der Kunsthochschule Kassel. Im gemeinsamen Studio Gebert & Krüger entwickeln sie für und mit internationale(n) Institutionen, Museen und Partner*innen vielschichtige Ausstellungs- und Forschungsprojekte: u.a. für die Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (SNSB), Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD), MAK Wien, Hessen Kassel Heritage, GRIMMWELT Kassel, LWL-Museen, Van Abbemuseum Eindhoven, Solomon R. Guggenheim Museum New York, Art Institute of Chicago, LACMA Los Angeles, Wilhelm Wagenfeld Stiftung Bremen, Stiftung Bauhaus Dessau, Schirn Kunsthalle Frankfurt und The Finnish Glass Museum Riihimäki.

Mit der Grimmwelt verbindet das Studio eine langjährige Zusammenarbeit. Gebert & Krüger gestalteten bereits mehrere Sonderausstellungen, als auch das GRIMMAtelier und die LESEREI.

Die jetzige Kooperation für das umfangreiche Ausstellungsprojekt ZWISCHEN GESTALTEN | HELGA GEBERT. Erzählen und Bild und Wort ist in vielerlei Hinsicht eine Besonderheit.

KÜNSTLERISCHE KOOPERATIONEN

Catrine Val

Videoinstallation »ALADDIN. 1001 Nacht in vielen Muttersprachen – Die Stimmen der Mütter in Kassel« im Ausstellungsbereich »Übersetzen«

Catrine Val ist Künstlerin und Filmemacherin und arbeitet an der Schnittstelle von Fotografie, Film und Performance. In ihren Arbeiten untersucht sie, wie Wissen zwischen Körpern getragen wird und sich in Bild, Bewegung und Klang manifestiert. Im Zentrum steht die Stimme von Frauen als Form von Präsenz. In langfristigen künstlerischen Prozessen entwickelt sie gemeinsam mit Frauen in unterschiedlichen kulturellen Kontexten Arbeiten, in denen Sprache, Erinnerung und Begegnung den künstlerischen Raum prägen. Ihre Projekte bewegen sich zwischen Kunst und Philosophie und wurden international gezeigt.

Olaf Val

Interaktive Aufblaser-Blob-Installation im Ausstellungbereich »Aneignen«

Olaf Val (geb. 1968 in Hanau) studierte Kunst in Kassel und schloss sein postgraduiertes Studium an der Kunsthochschule für Medien Köln ab. Seit 1996 stellt er regelmäßig aus, darunter bis 2014 auch international, arbeitet seit 2003 als freischaffender Künstler und lehrt seit 2004 als Dozent. Von 2012 bis 2022 war er aktives Vorstandsmitglied des Kasseler Kunstvereins, für den er u. a. Einzel- und Gruppenausstellungen kuratierte. Seither hat sich sein künstlerisches Interesse auf ökologische Fragestellungen verlagert, die er zunehmend auch im Medium der Soundart verfolgt – mit dem Anliegen, eine poetische Wertschätzung der Umwelt durch Klang erfahrbar zu machen.

Lina Walde

Illustration für die Aufblaser-Blob-Installation im Ausstellungbereich »Aneignen«

Lina Walde arbeitet an der Schnittstelle zwischen experimenteller und angewandter Kunst mit dem Schwerpunkt künstlerische Animation. Darüber hinaus arbeitet sie in den Bereichen Illustration, Graphic Recording, Projection Mapping und audiovisuelle Performance. Sie ist Dozentin für Animation an der HBK Braunschweig und der Hochschule Bielefeld, sowie Kuratorin für Kurzfilmprogramme. Sie ist Mitbegründerin von STUDIO ANIMAUZ.

Ihr letzter Kurzfilm WÜSTENTIER lief auf zahlreichen internationalen Filmfestivals. Ein neuer Film, FLEXI, befindet sich derzeit in Produktion.

Katharina Zimmerhackl

Soundinstallation im Ausstellungsbereich »Erschrecken«

Katharina Zimmerhackl (*1983) ist Künstlerin, Autorin und Grafikerin. In ihrer künstlerischen Praxis bewegt sie sich zwischen Sound, Text und Zeichnung und entwickelt Klangstücke, Hörspiele, Installationen, Performances und Printed Matter. Umfangreiche Recherchen überführt sie in Skripte oder Partituren, in denen sie die musikalischen Aspekte von Sprache und Stimme ergründet. Seit einer Weile erkundet sie zudem das klangliche Potential von Keramik. Inhaltlich erforscht sie Körperlichkeit als politisches Feld sowie das Verhältnis von Mensch, Tier und Natur. Ihre Arbeiten werden international auf Festivals, in Museen und Kunsträumen sowie im Radio präsentiert. Die Arbeit Soliloquy with Ape wurde 2023 im Rahmen des Karl-Sczuka-Preis für Hörspiel als Radiokunst ausgezeichnet. Sie lebt und arbeitet in Leipzig.