Wo man mit Vergnügen liest
Die Brüder Grimm haben ihr Leben lang gelesen. Schließlich bestand ihre Arbeit darin, über die deutsche Sprache und Literatur zu schreiben. Es war jedoch etwas, das sie aus wissenschaftlichem Antrieb machten. »Lesen als Freizeitbeschäftigung war sicherlich nicht in ihrem Sinne beziehungsweise fehlte dazu auch schlicht die Zeit«, sagt Jan Sauerwald, Geschäftsführer der GRIMMWELT. Man las nicht aus Vergnügen.
So findet sich auch im »Deutschen Wörterbuch« von Jacob und Wilhelm Grimm das Wort »Leserei«, und es bezeichnet »das lesen, in geringschätzigem sinne: wo die leserei zum beinahe unentbehrlichen bedürfnis geworden ist. (...) weil bei dieser leserei (der romane) die absicht nur ist, sich für den augenblick zu unterhalten.« Lesen zur Unterhaltung, für die Grimms ein Unding.
Was würden die Brüder Grimm wohl sagen, wenn sie heute in die GRIMMWELT kämen? Denn dort gibt es seit Neuestem eine LESEREI, in der es genau darum geht: Bücher zu entdecken, zu schmökern und aus Vergnügen zu lesen.
Rückzugsort mitten im Ausstellungshaus
Die LESEREI, gestaltet von Jakob Gebert und Hanna Krüger, die auch schon das #GRIMMAtelier im ersten Stock des Hauses entworfen haben, bietet einen Rückzugsort mitten im Ausstellungshaus und ist auch dann kostenlos zugänglich, wenn man die Ausstellung nicht besuchen möchte.
»Es ist ein Dritter Ort, der allen zur Verfügung steht und kostenlos nutzbar ist«
Der Begriff »Dritter Ort« beschreibt in der Soziologie Orte der Gemeinschaft und nimmt Bezug auf das Zuhause als »Ersten Ort« und die Arbeitsstätte als »Zweiten Ort«. Am »Dritten Ort« hält man sich gern auf.
Am Eingang zur Dauerausstellung der GRIMMWELT, mit Blick auf die fünf farbigen Baumwurzeln des chinesischen Künstlers Ai Weiwei, sitzt man hier in einer gemütlichen Holzkonstruktion und kann sich Bücher aus den Regalen greifen, darunter Literatur rund um die Brüder Grimm, Märchenklassiker, Neuerscheinungen oder liebevoll gestaltete Bilderbücher und Graphic Novels.
Die LESEREI als Vermittlungsprojekt
An einer Wand steht eine besondere Auswahl von Büchern, kuratiert und empfohlen von Schulkindern aus verschiedenen Kasseler Grundschulen.
Denn die LESEREI ist nicht nur ein Ort zum Verweilen, sondern auch ein Vermittlungsprojekt. Bereits zwei Schulklassen waren in den vergangenen Monaten in der GRIMMWELT zu Gast, jeweils eine der Waldorfschule und der Herkulesschule, eine dritte Klasse folgt im Herbst.
Die Schulklassen kommen drei Mal drei Stunden mit dem Vermittlungs-Team der GRIMMWELT zusammen, sowohl in der Schule als auch in der GRIMMWELT und lernen dabei zum Beispiel, wie Bücher aufgebaut sind und was eine Bibliothek ist. Zuerst werden die Kinder spielerisch an die Produktion eines Buches herangeführt, um zu verstehen, wie das Buch, das sie abends im Bett lesen, in ihr Kinderzimmer gekommen ist. Bis zu 16 Menschen sind daran beteiligt, ein Buch herzustellen, vom Autor über den Illustrator, den Lektor, Drucker und Rezensent. »Das finden die Kinder besonders spannend«, sagt Julia Ronge, Leiterin der Vermittlung in der GRIMMWELT. Gemeinsam mit dem Verein Buchkinder Kassel hat sie das Konzept für das Projekt entwickelt. Dann wird den Kindern ein Buch vorgelesen, zum Beispiel »Niemals nie nicht«, ein Bilderbuch aus dem Kasseler Rotopol Verlag über eine Fledermaus, die nicht in den Kindergarten will. Zu diesem Buch füllen die Kinder dann gemeinsam einen Steckbrief aus mit Fragen wie: Wer ist die Illustratorin, was ist in der Geschichte passiert, auf welcher Seite steht was? So lernen sie spielerisch, worum es in einer Rezension geht. Denn das Ziel ist, dass die Kinder am Ende eine Rezension über ihr Lieblingsbuch schreiben, das sie mitbringen und in der LESEREI ausgestellt wird.
»Jedes Buch, das vorgeschlagen wird, kaufen wir«, sagt Jan Sauerwald. Dafür und für weitere Titel in der LESEREI kooperiert die GRIMMWELT mit der Kasseler Buchhandlung Brencher. Doch die Kinder schreiben nicht nur eine Rezension, sondern auch einen Blurp und entscheiden, nach welcher Grundidee die Bücher in ihrer Bibliothek sortiert werden sollen.
Am Ende gibt es eine Präsentation für die Eltern, einige dürfen ihre Rezensionen vorlesen. Die sind teilweise schon richtig professionell. Eine junge Rezensentin schreibt zum Beispiel: »Lieber Hundefan! Ich weiß, dass Sie eigentlich nur Bücher über Hunde lesen. Aber ich glaube, dieses Buch würde Sie auch interessieren. Es handelt von Tieren, Freundschaft und Magie.« Wer da nicht weiterliest, dem ist auch nicht mehr zu helfen. Das Buch, das hier empfohlen wird, heißt übrigens »Ein Mädchen namens Willow« und war ebenso wie »Greg’s Tagebuch« und »Die unendliche Geschichte« auf den Empfehlungslisten beider Klassen zu finden. Moderne Klassiker eben.
Kostenfreie Vorlesestunden
Zum Konzept der LESEREI gehört auch eine Vorlesestunde der »Omas gegen Rechts«, die ein Mal im Monat, immer samstags, kostenfrei stattfindet. Ab dem 22. September wird die LESEREI zudem drei Wochen lang Teil des Storytales Kinder- und Jugendbuchfestivals des Vereins Buchkinder Kassel sein, das in der GRIMMWELT stattfindet.
In der Zukunft würde Julia Ronge gerne das Vermittlungsprojekt für Grundschulklassen ausweiten, um zum Beispiel eine ganze Projektwoche anbieten zu können. »Gerade bei jüngeren Kindern macht das Sinn.« So könnte zum Beispiel den Kindern in Rollenspielen erklärt werden, wie man ein Buch einer anderen Person empfiehlt. Die Klassenlehrerin der 3a der Herkulesschule hatte mit der Fragestellung »Wie kann ich meinem Dönerbuden-Besitzer mein Buch schmackhaft machen« mit ihren Schüler*innen erarbeitet, wie man eine Rezension für ein Buch schreibt. »Das würden wir gerne aufnehmen, weil es ein super Tool ist, um zu verstehen, was mit einer Rezension gemeint ist«, sagt Ronge.
Doch dafür wird noch weitere Förderung gesucht.
Die Kinder der Herkulesschule sind auf jeden Fall nicht nur begeisterte Leser*innen, sondern wollen nun auch mehr lernen über die Welt der Brüder Grimm. Sie wollen beim nächsten Wandertag unbedingt wiederkommen und sich die Dauerausstellung anschauen. Danach werden sie sicherlich einen Zwischenstopp in der LESEREI machen, um mit Vergnügen in den Bilderbüchern, Comics und Märchenbüchern zu schmökern. Denn auch, wenn die Brüder Grimm das vielleicht anders sahen: Was gibt es Besseres, als nach einem inspirierenden Ausstellungsbesuch in einer Leseecke zu entspannen?
Das Projekt wurde ermöglicht durch die großzügige Unterstützung der Wohltätigkeitsstiftungen der Stadt Kassel, der PwC-Stiftung und der Rahier Foundation gGmbH.
Autorin: Amira El Ahl


